Quellen © Jan Ryser

Quellen – ein bedrohter Lebensraum benötigt Unterstützung

18.05.2018

Quellen faszinieren: Grundwasser schiesst aus dem Boden und bildet im Nu einen reissenden Bach, Wasser verursacht Wirbel im sandigen Grund und sprudelt über moosbedeckte Steine, Sumpfdotterblumen leuchten aus der feuchten Fläche. So schön diese Beschreibung auch tönen mag, die Realität sieht anders aus. Pro Natura Bern ist gemeinsam mit Freiwilligen dem Mys- terium Quellen auf den Grund gegangen und fand ein Feld der Verwüstung vor. Durch gezielte Eingriffe ist es aber möglich, aufgegebene Trinkwasser- fassungen und beeinträchtigte Quellen zu beleben.

Quellen sind einzigartige Lebensräume mit einer spezialisierten Lebensgemeinschaft. Diese besteht hauptsächlich aus Larven von Köcherfliegen, Steinfliegen, Zweiflüglern sowie Muscheln und Krebstieren. Doch auch bekanntere Tiere wie Quelljungfern (Libellen) und Feuersalamander sind in Quell-Lebensräumen anzutreffen. Daneben sind Quellen traditionell auch ein Sinnbild für Leben und Reinheit und galten als Ort für magische Wesen.

Quellen mussten in der Vergangenheit in grosser Zahl der Ausdehnung des Siedlungsgebiets und der intensiven Landwirtschaft weichen, oder wurden für die Gewinnung von Trinkwasser gefasst. Heute sind der Lebensraum Quelle wie auch deren spezialisierten Bewohner vom Aussterben bedroht. Um die Verbreitung und den Zustand der Quellen zu erfassen, ein erster Schritt für Aufwertungen, startete Pro Natura Bern vor zwei Jahren ein Projekt und sammelte mit Hilfe von Freiwilligen eine Fülle von Daten.

Freiwilligenprojekte erleben einen Aufschwung. Durch ihren Einsatz ist es möglich, viele neue Informationen zu sammeln und daraus Naturschutzmassnahmen abzuleiten. Anders wäre es gar nicht denkbar, solche Vorhaben umzusetzen. Im Rahmen des vorliegenden Projektes haben 27 Personen in 68 Gemeinden aus den vier Regionen Jura, Mittelland, Voralpen und Nordalpen rund 1200 Quellen besucht und deren Zustand beurteilt.

Quellen – gefasst oder verbaut

Die Resultate sind ernüchternd: Drei Viertel der Quellen aus dem Untersuchungsgebiet sind gefasst oder deren Lebensraum ist zerstört. Vom verbleibenden Viertel sind zudem die Hälfte beeinträchtigt. Häufigste Beeinträchtigungen sind Holzabfälle, die auf dem Quell-Lebensraum deponiert sind, Trittschäden durch Vieh sowie Wege und Strassen, die durch den Quellbereich führen. Noch 13% der Quellen können als natürlich eingestuft werden. Quellen liegen im Wald oder Offenland, nur sehr selten in Siedlungsgebieten; dort sind fast ausschliesslich Fassungen zu finden. Im Wald ist der Anteil natürlicher Quell-Lebensräume bedeutend höher als im Offenland, wo sie zu einem Grossteil gefasst oder anderweitig zerstört sind. 90 Prozent der noch natürlichen Quellen befinden sich im Wald. Aber auch hier sucht man nach Quellen mit einer grossen Schüttung (über 10 Liter/Sekunde) meist vergebens. Natürliche Quellen weisen zu 90 Prozent einen Abfluss von weniger als 1 Liter/Sekunde auf. Stark schüttende Quellen sind meist gefasst.

Zusammengefasst lässt sich anhand der Projektdaten sagen, dass der Zustand der Quell-Lebensräume im Kanton Bern dramatisch ist. Die Folge davon ist zweifellos ein Rückgang der stark spezialisierten Lebensgemeinschaften von Quellen. Es ist also nicht erstaunlich, findet man viele Quellarten auf den Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Tiere.

Natürliche Quellen – wo sind sie noch zu finden?

Die Daten zeigen, wie schwierig es heute geworden ist, intakte, naturnahe Quell-Lebensräume, insbesondere ab einer gewissen Grösse zu finden.

Jura und Mittelland:

Hier sind naturnahe Quell-Lebensräume weitgehend auf Wälder beschränkt. Im Offenland ist beinahe nichts mehr zu finden. Im Jura findet man hauptsächlich den Quelltyp Sturzquelle, bei dem das Wasser rasch und punktuell aus dem Boden fliesst. Der Quellbereich ist deshalb nicht allzu gross und das abfliessende Wasser bildet sofort ein Gerinne. Namentlich in Kalksteingebieten wie dem Jurabogen kann das Wasser auch spektakulär im freien Fall aus Felsen austreten. Im Mittelland kommen Sturzquellen, wie auch Sickerquellen, die einen Quellsumpf bilden, gleichermassen vor. Allerdings sind 80 Prozent der Quellen gefasst und zerstört.

Voralpen und Nordalpen:

Hier findet man natürliche Quellen nicht nur im Wald, sondern auch im Offenland, auf Wiesen und Weiden. Je höher man in die Berge steigt, desto verbreiteter sind naturnahe Quell-Lebensräume. In den Voralpen dominieren Sickerquellen in Wäldern. In den Nordalpen hingegen sind eher Sturzquellen anzutreffen. In den Nordalpen sind immerhin 50 % der Quellen nicht gefasst, entsprechend verbreitet sind noch intakte Lebensräume.

Revitalisieren – beeinträchtigte Quellen aufwerten

Durch die negative Entwicklung des Zustands der Quellen ist die Artenvielfalt vielfach verkümmert und isoliert, ohne möglichen genetischen Austausch mit umliegenden Populationen. Die Revitalisierung von Quellen ist der Weg, um deren einzigartige Artenvielfalt zu erhalten. Die vorhandenen Daten des Kantons zu den Quellfassungen zeigen das Potential auf. Über 80 Prozent der Fassungen führen weniger als 1 Liter Wasser pro Sekunde. Es ist also fraglich, ob all diese Fassungen überhaupt noch genutzt werden, oder ob das Wasser nicht eher in den nächstgelegenen Bach oder sogar in die Kanalisation geleitet wird. Die Revitalisierung solcher Fassungen ist deshalb besonders in Gebieten, wo noch intakte Quellen zu finden sind, prüfenswert. Die freiwilligen Kartierer haben die Quellen auch nach deren Revitalisierungspotential beurteilt und dabei über 100 Quellen ein hohes Potential zugeschrieben. Höchste Zeit also, verbaute und gefasste Quellen zu sanieren und den Quellarten wieder ihren Lebensraum zurückzugeben. Pro Natura Bern plant, hier weiter einen Arbeitsschwerpunkt zu setzen.

Sensibilisierung der Bevölkerung und Behörden

Beeinträchtigungen des Quell-Lebensraumes lassen sich oft mit gezielter Sensibilisierung der Grundeigentümer oder Bewirtschafter verhindern oder beheben. So kann eine Auszäunung der Quelle oder die Verlegung von Viehtränken Trittschäden verhindern. Im Wald ist auf Astdepots im Quellbereich zu verzichten.

Mit den erarbeiteten Verbreitungs- und Zustandsdaten von Quellen haben wir wichtige Grundlagen zur Hand, mit denen wir etwa Behörden über das Vorkommen von Quellen informieren können, mit dem Ziel, dass diese bei Bauprojekten geschont oder geschützt werden. Weiter wollen wir die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Wert und die Gefährdung des Lebensraums Quelle weiterführen und den Handlungsbedarf aufzeigen. Nach dem bewährten Motto, nur was man kennt kann man schützen.

Dieser Artikel wurde im Pro Natura lokal 1 / 2018 publiziert.

Unser Mitteilungsheft, das «Pro Natura Lokal», erscheint zweimal jährlich im Frühling und Herbst in deutsch und französisch und informiert über unsere laufenden Projekte und Veranstaltungen.


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