Waldstrasse Forst © Matthias Sorg

Ökologische Böschungspflege an Verkehrsbegleitflächen im Kt. Bern

Orchideen, Glockenblumen, Bienen – im Sommer blüht und summt es an Strassenböschungen um die Wette. Bis die Mulchmaschine dem lebendigen Treiben ein Ende setzt. Dann liegen zerquetschte Heuschrecken, tote Bienen und abgemähte Blumen am Strassenrand. Doch es geht auch anders.

Seit 2015 arbeitet Pro Natura Bern in zahlreichen Teilprojekten mit den verschiedenen Akteuren an der Optimierung der Böschungspflege zur Erhaltung der Biodiversität. Unterstützt wird dies vom Tiefbauamt, vom Amt für Wald und der Abteilung Naturförderung des Kt. Bern sowie einer Expertenbegleitgruppe.

Waldstrassenränder – reicher Lebensraum

Der Übergang von den Kiesstrassen zum bestockten Bereich weist neben den Waldrändern wohl die höchste Artenvielfalt im Waldareal auf. Diese Streifen sind vielfach mager, hell und kalkhaltig, und bieten einen Ersatzlebensraum für viele Arten, die aus dem Landwirtschaftsgebiet verschwunden sind. So liegen im Berner Mittelland 80% der verbliebenen Orchideenstandorte an Waldstrassen. Im Böschungsbereich wurde beim Strassenbau der nährstoffreiche Oberboden entfernt. Da Waldstrassen zudem Lichtschneisen sind, finden hier Bewohner der selten gewordenen Magerwiesen neuen Lebensraum. Die von den Rädern weggespickten Kalksteinchen kalken den Boden auf. Dort, wo die Böden sauer sind, wie vielerorts im Berner Mittelland, sind die Randstreifen dadurch basische Inseln im Säuremeer. Kalkliebende Pflanzen, zu denen z.B. die meisten Orchideen gehören, wachsen nur auf solchen Böden. Mit dem Blütenangebot finden sich auch Insekten ein, und von diesen profitieren etwa Eidechsen und Fledermäuse.

Tod vermeiden, Biodiversität fördern

Werden Strassenränder bereits im Mai oder Juni gemulcht, auf dem Höhepunkt der Blütezeit, ist das der Tod für den Sommerflor und mit ihm für viele Kleintiere. Pflanzen können nicht absamen und mehrjährige Arten kaum Nährstoffe in die Speicherorgane einlagern. Viele Tiere verlieren ihre Nahrungsgrundlage, wenn nicht gar ihr Leben.
Mit diesen Regeln können die Verluste minimiert und die Artenvielfalt erhalten werden:

  • Böschungen erst nach dem Abblühen mähen, am besten sogar erst nach dem Absamen;
  • Wenn mulchen, dann erst ab Oktober, und sonst mähen, dies ist viel schonender für Kleintiere;
  • mindestens 10% Rückzugsstreifen stehen lassen;
  • wertvolle Sträucher nicht entfernen;
  • Stein- und Asthaufen sowie Baumstrünke belassen, und wo möglich neue Strukturen anlegen;
  • invasive Neophyten gezielt vor dem Absamen bekämpfen.

Schonender Unterhalt spart Aufwand

Mähen im Herbst spart oft eine Mährunde. An vielen Waldstandorten kann auch nur jedes zweite Jahr gemäht werden, ohne die Sicht und die Sicherheit zu beeinträchtigen. Nur soviel wie wirklich nötig, sollte die Devise sein – und das ist weniger als man denkt. An Strassenrändern kann man also beim Unterhalt sparen und zugleich die Biodiversität fördern. Und wichtig für den Waldbesitzer: Blumige Waldstrassenränder sind ein begehrtes Wildfutter und vermindern so den Verbiss durch Rehe an Jungbäumen.

Was seit dem Projektstart 2015 erreicht wurde

  • Entwicklung einer einfachen, praxiserprobten Methode zur Kartierung von Strassenböschungen;
  • Kartierung aller Kantonsstrassenböschungen der Strasseninspektorate Oberaargau, Burgdorf und Emmental;
  • Kartierung der Pilotgemeinde Madiswil;
  • Durchführung verschiedener Kurse zur «Ökologischen Böschungspflege» gemeinsam mit SANU, dem Tiefbauamt des Kt. Bern und einer Expertenbegleitgruppe;
  • Zusätzllich Sensibilisierung von Mähverantwortlichen durch den Waldstrassenflyer, Presseartikel und Vorträge an Strasseninspektoren- und Strassenmeistertagungen;
  • Entwicklung einer bienenoptimierten Saatgutmischung für trockene, basische Magerstandorte («TBA Kt. Bern Bestäuber»);
  • Entwicklung eines Merkblatts zum mageren Aufbau von Strassenrändern;
  • Pilotprojekt für die ökologische Pflege der Autobahnböschungen im Kt. Bern.

Was noch geplant ist

  • Pflegepläne für die als wertvoll kartierten Böschungen an Kantonsstrassen;
  • Ansaaten mit der Samenmischung «TBA Kt. Bern Bestäuber»;
  • gesamtschweizerischer SANU-Kurs zur ökologischen Böschungspflege;
  • Gemeinsam mit der WSL Möglichkeiten einer kostengünstigeren und nachhaltigen Grüngutverwertung prüfen;
  • Erarbeitung eines Pflegedossiers für Mähverantwortliche.

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